Wie entwickelt sich Schlaflosigkeit?

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Bei Schlaflosigkeit – auch Insomnie genannt – handelt es sich um Ein- und Durchschlafstörungen.

Sicherlich hat jeder von Euch schon die ein oder andere Phase in seinem Leben erlebt, in der er nicht so gut geschlafen hat. Ausgelöst werden kann dies z.B. durch ein stressige Lebenssituation.

Meist hält Schlaflosigkeit auch nur so lange an, wie man sich in einer stressigen Situation befindet.

Bei ca. 30% der Betroffenen besteht die Störung jedoch fort und wird chronisch.

Wie entwickelt sich Schlaflosigkeit?

Bestimmte Menschen haben aufgrund ihres Geschlechts, ihres Alters, ihrer Einstellung zum Leben oder durch ihre Lebensführung und ihren Beruf ein erhöhtes Risiko für Schlaflosigkeit.

Bei Frauen z.B. erhöht der Menstruationszyklus, die Menopause, eine Schwangerschaft und die Mutterschaft das Risiko.

Schwarzseher und Personen, die an Depressionen erkrankt sind, tragen ebenso ein erhöhtes Risiko in sich.

Auch Schichtarbeit, die Familiengeschichte und ein niedriger sozioökonomischer Status können dafür sorgen, dass Menschen nachts schlecht schlafen.

Bitte beachtet hierbei, dass es sich um Risikofaktoren handelt. Sie können einen anfällig für Schlafstörungen machen, stellen jedoch keine direkten Auslöser dar.

Was können Auslöser für Schlaflosigkeit sein?

# Lesetipp: „Was sind Schlafstörungen? Ursachen und Formen“

Wenn Menschen bereits aufgrund eines erhöhten Risikos anfälliger für Schlafstörungen sind, können folgende Ursachen mögliche Auslöser sein, die zu Schlaflosigkeit führen können.

Stress als Schlafkiller Nr. 1

Entweder durch einen missglückten Arbeitstag, eine schlechte Nachricht oder ein sich aufbauendes Ereignis kann sich Stress im Körper aufbauen. Wenn der denkende Verstand überfordert ist, kann sich Besorgnis, Traurigkeit und Wut breit machen. Dadurch kann es zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen kommen. Das Wachzentrum wird aktiviert und hält einem dann nachts vom Schlafen ab.

Gesundheitsprobleme

Hier sind Krebs, Angina, chronische Erschöpfung, Rückenschmerzen, Schilddrüsenüberfunktion, Arthritis, Knochenbrüche und Reizdarmsyndrom zu erwähnen.

Genussmittel und Medikamente

Alkohol, Nikotin, Drogen und deren Entzugserscheinungen können zu Schlafstörungen führen. Auch die Nebenwirkungen von Medikamenten können dazu beitragen.

Psychische Störungen

Dazu zählen allgemeine Angststörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Schizophrenie und bipolare Störung

Weiterhin können auch Lärm, die innere Uhr, Hormone und Erlebnisse in der Kindheit dazu beitragen, dass sich Schlaflosigkeit entwickelt.

Zum Glück legen sich stressige Situation im Leben nach einer gewissen Zeit wieder.

Wenn jedoch die Schlaflosigkeit die Stresssituation übersteht und länger andauert, leidet man unter chronischer Schlaflosigkeit.

Der eigentliche Auslöser – der Stress – ist dann nicht mehr der Verursacher. Es geht vielmehr um die Besorgnis hinsichtlich des schlechten Schlafs und die Reaktion darauf die Schlaflosigkeit fortbestehen lassen kann.

Warum wirkt sich eine Stressreaktion so mächtig auf unser Gehirn aus? Und warum reagiert es mit gut scheinenden, aber wenig nutzbringenden Absichten?

Das Gehirn ist überlastet mit den Ereignissen und Reaktionen die auftreten, wenn wir unter Stress stehen. Im Körper kann man Reaktionen wie Gedanken, Emotionen, Empfindungen und Erinnerungen wahrnehmen.

Im Bett zu liegen während der Körper unter Anspannung steht, wird einem so einiges bringen, nur keinen guten Schlaf.

Die Amygdala – das emotionale Gehirnzentrum – ist dafür verantwortlich, dass in stressigen Situationen Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet wird. Beide Hormone sorgen dafür, dass der Körper entweder bereit ist, zu fliehen oder zu kämpfen. Der Herzschlag erhöht sich, um die Muskeln und das Gehirn mit mehr Nährstoffen zu versorgen. Das Blut wird aus Körperregionen gezogen, die nicht benötigt werden, z.B. auch aus dem Verdauungssystem. Dadurch kann der berühmte „Knoten“ im Magen entstehen.

Weiterhin werden die Handflächen schwitzig, um besser zupacken zu können.

Die Körpertemperatur steigt an und die Sehkraft nimmt zu, in dem die Pupillen sich erweitern. Der Körper ist auf Kampfmodus eingestellt. Ideal um sich zu verteidigen, aber nicht um zu schlafen.

Wenn man unbedingt schlafen will, können sich diese Körperempfindungen schnell zu einer nervigen Plage entwickeln. Es kann fix passieren, dass man auf dem Weg in den Schlaf genau diese Gedanken und Körperreaktionen als einen zu bekämpfenden Gegner identifiziert.

Jeder weiß nämlich, dass man besser schlafen kann, sobald der Geist zur Ruhe gekommen ist. Also ist das oberste Ziel eines jeden Geplagten, seinen Geist zur Ruhe zur bringen und die lästigen Reaktionen loszuwerden. Man signalisiert seinem Gehirn somit unbewusst eine Gefahr.

Das Gehirn ist primitiv

 

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Die Amygdala kann nicht zwischen einem Kampf gegen einen Angreifer oder dem Kampf gegen die Schlaflosigkeit unterscheiden. Es ist primitiv und kennt nur Gefahr oder keine Gefahr.

Kämpft man Nacht für Nacht gegen diese Empfindungen an, läuft man große Gefahr, sie negativ mit dem Schlafen zu assoziieren.

Das bedeutet, dass sich der Kampfmodus einstellt, sobald man ins Bett geht und versucht zu schlafen. Denn das Gehirn erinnert sich an Kämpfe der Vorabende und möchte einen für die kommende Nacht auf den Kampf vorbereiten.

Verglichen werden kann dies mit dem Prinzip der klassischen Konditionierung. Ganz unbewusst trainierst Du Dein Gehirn mit dem Kämpfen zu beginnen, sobald Du Dich Deinem Bett näherst.

Dieser Kampf verbraucht eine hohe Menge an Energie. Viel mehr, als würde man wach daliegen und sich ausruhen.

Warum aktives „Kämpfen“ die Schlaflosigkeit verstärken kann

Wir wollen ständig die Kontrolle haben. Dieser Fakt ist ebenso evolutionsbedingt. Denn die Überlebenschancen für uns Menschen steigen, umso mehr Kontrolle man über die Umwelt erlangt.

Lernen aus Erfahrungen und die Fähigkeit, vorhandene Informationen funktional zusammenzuführen, haben die Menschen an die Spitze der Nahrungskette gebracht. Auch für den Kampf gegen die Schlaflosigkeit hat das Gehirn prompt zahlreiche Lösungen parat. Es möchte kontrollieren.

Beispielweise kauft man sich eine neue Matratze, wenn die alte zu unbequem ist. Man begibt sich in ein leiseres Zimmer, wenn das Schlafzimmer zu laut ist.

Nach einem stressigen Arbeitstag nimmt man ein Entspannungsbad, weil die Chance hoch ist, sich danach wohler und ausgeglichener zu fühlen.

Wenn man nachts wach im Bett liegt und nicht einschlafen kann, kann es sinnvoll sein, Schäfchen zu zählen oder eine Fantasiereise durchzuführen. Setzt man diese Maßnahmen dezent ein, können sie helfen.

Doch ignoriert man Stress, lenkt sich von ihm ab und schiebt ihn beiseite, wird man ihn nicht los werden.  Im Gegenteil, es kann sogar passieren, dass man die Situation nur noch verschlimmert.

Mit Aktivitäten wie:

  • Veränderung des Schlafmusters
  • zahlreiche Gewohnheiten annehmen, die den Schlaf bringen sollen
  • Medikamente einnehmen
  • Selbstgespräche
  • Lebensveränderungen

schafft man sich ein Mindset, dass zu allem führen kann, nur nicht zum Schlaf.

Wie bei allen anderen Alltagsproblemen wird das Gehirn, wenn es mit Schlaflosigkeit konfrontiert ist, zahlreiche Lösungen (siehe oben) suchen, um das Problem zu bewältigen. Es wird vergangenes Schlafverhalten mit der Gegenwart verglichen und es werden Prognosen für die Zukunft erstellt. „Wenn ich jetzt nicht schlafen kann, komme ich gar nicht mehr klar.“

Das Gehirn kann auch automatisch einen zeitlichen Rahmen festlegen. Z.B., „wenn ich bis 02:00 Uhr nicht eingeschlafen bin, nehme ich eine Tablette oder wasche Geschirr ab.“

Das Gehirn ist Meister darin, solche Lösungen für das Problem zu finden.

Die Lösung kann zum Problem werden

Nämlich dann, wenn man sich von den zahlreichen Maßnahmen abhängig macht und seine ganze Hoffnung in sie setzt.

Es kann z.B. kurzfristig helfen, sich durch Lesen oder Radiohören, von seinen quälenden Gedanken abzulenken. Wenn man dies jedoch jeden Abend tut, um einschlafen zu können, kann es passieren, dass man immer länger Radiohören oder Lesen muss, um in den Schlaf zu finden. Man setzt hohe Erwartungen an die Maßnahme und macht sich quasi abhängig von ihr.

Sollte einer der „Einschlaftricks“ nach einer Weile einmal nicht mehr funktionieren, hat das Gehirn auch fix zahlreiche neue Lösung parat. Z.B. ein Entspannungsbad oder kein Fernsehen am Abend. Die Lösungen kommen ganz automatisch, wenn man sich in diesem Kontrollzwang befindet. Denn man will sich ja nicht hilflos der Situation ausliefern.

So begibt man sich aber in einen Teufelskreis. Wenn ein Trick nicht funktioniert, probiert man sofort wieder einen neuen aus, mit der schier endlosen Hoffnung, endlich in den Schlaf zu finden.

Welche Maßnahmen habt Ihr bereits getroffen?

Überlegt einmal selber, wie kreativ ihr bisher geworden seid, um endlich wieder schlafen zu können. Schreibt alle Maßnahmen auf, die Ihr bisher unternommen habt und lest anschließend nochmal drüber.

Anschließend erinnert euch einmal daran, was ihr unternommen habt, als ihr noch normal schlafen konntet? Die Antwort wird Euch überraschen.

Fazit:

Schlaf ist genau wie die Atmung und der Herzschlag ein physiologischer Prozess, der keinerlei bewusster Anstrengung bedarf.

Um den Schlaf kämpfen kann Schlaflosigkeit nur noch verschlimmern.

Ausruhen und sich nicht mit dem Einschlafen beschäftigen, kostet weniger Energie, als der Kampf um den Schlaf.

 

 

 

6 Antworten auf „Wie entwickelt sich Schlaflosigkeit?“

  1. Danke für den detaillierten und trotzdem verständlichen Artikel! Habe einige Kunden mit diesem Problem und werde deinen Blog weiterempfehlen! Bin auf die nächsten Artikel gespannt 💪 LG Benji

  2. Oh man total. Ich brauche absolut meinen Schlaf, sonst bin ich tagsüber nicht fit und schlecht drauf. Und spätestens dann kommt mein Hormonhaushalt voll durcheinander haha. Vor dem Schlafen Gedanken aufschreiben und Meditieren bringen mich meistens runter…. und dann schlafe ich wie ein Baby. 🙂

    1. Das geht mir genauso Cathi. Ich hätte früher auch nicht daran geglaubt, aber der Verstand lässt mich oft mit einfachen Mitteln austricksen, weil er im Prinzip selber sehr einfach gestrickt ist 😉

  3. Hey Marco, super ausführlicher Blog Post.
    Ich konnte einiges dazulernen. Deine Seite ist echt cool, ich erkenne mich in vielen Situationen wieder, die mich zum Reflektieren meines eigenen Lebensstiles bringen. Ich musste noch nie um meinen Schlaf kämpfen, nur das Aufstehen fiel mir immer relativ schwer. Ich bin mir sicher, dass ich dazu auf deiner Seite auch fündig werde.

    Liebe Grüße Chrissy

    1. Danke auch für Dein Lob, Chrissy. Freu mich, dass Du so viel bei mir lernen konntest. genau dafür ist der Blog ja da. Wie Du morgens besser aus dem Bett kommst, darüber werde ich demnächst mehr schreiben. Eins ist sicher, Du bist mit diesem Problem nicht allein. Auch ich komme morgens immer schwer aus dem Bett. Bin ich jedoch einmal wach und war unter Dusche, habe ich sofort Energie für den Tag.

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